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Filme März / April 2026

Sobald die Termine feststehen, könnt ihr sie hier finden.

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Mittwoch 4. März
18:00 & 20:20
Der Fremde

von François Ozon
Frankreich 2025, 122 min

 

Der Fremde

François Ozon ist ein Magier des Kinos! Er zaubert Filme rasend schnell auf die Leinwand, ist ein Meister auf der Klaviatur der Genres und ein würdiger Nachfolger von Claude Chabrol. Mit Der Fremde ist ihm jetzt wieder ein wahres Juwel gelungen, eine meisterliche Verfilmung von Albert Camus' großem existenzialistischen Roman. Stilistisch brilliant, erinnert er uns an die Liebesgeschichte, den Film Frantz, den wir 2017 im stattKino gezeigt hatten.

„Ich wollte lediglich sagen, dass der Held meines Buches verurteilt wird, weil er nicht mitspielt. In dieser Hinsicht ist er der Gesellschaft, in der er lebt, fremd; er wandert am Rande, in den Vororten eines privaten, einsamen, sinnlichen Lebens.“ So hat Camus die Essenz seines Buches selbst zusammengefasst.
Ozon hat sich bei der Verfilmung des Romans sehr genau an dieser Beschreibun orientiert: Ein Held am Rande der Gesellschaft, der sein privates sinnliches Leben führt und stoisch die Konsequenz seines Handelns erträgt. "Man muss sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen" , kommt uns da gleich in den Sinn.

Die Neuverfilmung von Ozon zeichnet sich durch die historische Perspektive aus. Während der Roman 1939 geschrieben wurde, als Algerien noch ganz selbstverständlich eine französische Kolonie war - und kein Thema für Camus - hat Ozon diesen Aspekt sichtbar eingearbeitet. Der Held Meursault hat einen Mord begangen und er erwartet von der Justiz, dass dieses Verbrechen gesühnt wird. Im Roman wird im Prozess der ermordete "Araber" nie erwähnt und dessen Schwester Djemila bleibt namenlos. Im Film hat sie jedoch ein Gewissen und eine Stimme, die sich für den Bruder einsetzt. "Es war wichtig, durch ihre Figur zu zeigen, wie der Araber unsichtbar gemacht wird, dass zwei Welten nebeneinander existierten, ohne sich zu sehen", sagt Ozon in einem Interview.

Im Film wird uns in der Rückschau die koloniale Perspektive eindrücklich vermittelt. Wir erleben eine Welt, in der die Kolonialherren ihr priviligiertes Leben führen und die Einheimischen überhaupt nicht zählen.

Fazit: Das Porträt eines jungen Mannes der Gegenwart – desillusioniert, von der Welt abgeschnitten – der keinen Sinn in seinem Leben sieht.

Interview mit Francois Ozon

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Dienstag 10. 18:00 & Mittwoch 11. März
18:00 & 20:00
Amrum

von Fatih Akin
Deutschland 2025, 94 min

 

Amrum

Nach Amrum, der Geschichte eines kleinen Jungen in den letzten Kriegstagen auf der Nordseeinsel, haben schon einige von euch gefragt, wollen ihn sich sogar nochmal anschauen! Der kleine Junge ist Hark Bohms Alter Ego; er wollte den Film noch selbst realisieren mit Fatih Akin als Produzenten. Doch dann wurde ihm klar, dass er in seinem Alter nicht mehr die Kraft hat für die nervenaufreibende Arbeit der Inszenierung. So übernahm Bohms langjähriger Freund Fatih Akin auch die Rolle des Regisseurs. Über die Entwicklung des Drehbuchs erzählt Akin: "Hark hat eine sehr poetische Schreibe, auch im Drehbuch. Da finden sich oft spektakuläre Naturbeschreibungen. Dabei ist ein Skript meist nur 10 Prozent Poesie und 90 Prozent Gebrauchsanweisung. Bei ihm war es genau andersrum, das Drehbuch hatte schon so eine literarische Kraft. Aus seiner Version hat er den Roman entwickelt. Und ich habe parallel aus dem 300 Seiten langen Drehbuch meine eigene Version kondensiert." Nachdem es lange ruhig um ihn geworden war, sind Film und Roman nun Hark Bohms Vermächtnis. Er hat den Erfolg noch miterlebt - am 14. November 2025 ist er mit 86 Jahren gestorben.

Die Geschichte ist im Kern ein Abenteuer des zwölf Jahre alten Nanning, der ein Brot mit Butter und Honig für seine traurige Mutter besorgen will. Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist die stramm nationalsozialistische Hamburger Familie auf die Insel geflohen. Nun wird die schwangere Mutter immer trauriger, je näher das Ende des Nazi-Reiches kommt. Das letzte, worauf sie sich gefreut hatte, war ein Butterbrot mit Honig. Nanning will versuchen, die einzelnen Bestandteile zusammenzubekommen. Das vermeintliche Wundermittel gegen Mutters Traurigkeit wird noch dringender gebraucht, als die Nachricht von Hitlers Tod die Insel erreicht. Auf seiner Mission erfährt Nanning allerdings auch einige unerfreuliche Wahrheiten über seine Familie.

Bis in die kleinste Nebenrolle, unter anderem mit Laura Tonke, Diane Krüger, Detlev Buck und Matthias Schweighöfer prominent besetzt, erzählt Amrum von Freundschaft und Erwachsenwerden, von der Macht der Natur und der von Krieg, von Liebe und der Suche nach dem eigenen Weg. Fatih Akin sieht „Amrum als ein ganz besonderes Filmprojekt: „‘Amrum‘ handelt von der Vertreibung aus dem Paradies. Dieser Film war eine Mission, eine Reise in die Tiefen meiner ‚Deutschen Seele’. Vielleicht die letzte Lektion, die mich Meister Hark Bohm gelehrt hat: das Kino bleibt ein ewiges Mysterium. Eine Einladung nach Cannes ist das schönste Geschenk für jeden Filmemacher.“

Fazit: Die Geschichte eines Nazi-Pimpfs, der sich an der Schwelle einer neuen Zeit und in der wilden Amrumer Landschaft, zwischen Flundern, Robben, Prielen und depressiven Faschisten zurechtfinden muss.

Lass mal auf deine Insel gehen...Interview mit Fatih Akin - epd-Film.de

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Dienstag 17. März
18:00 Uhr OmU &
Mittwoch 18. März
18:00 & 20:10 DF
The Mastermind

von Kelly Reichardt
USA 2025, 110 min

 

The Mastermind

Die amerikanische Filmemacherin Kelly Reichardt ist eine in Cineasten-Kreisen hochgeschätzte Filmemacherin des amerikanischen Independent Kinos. Sie erzählt in ihren Filmen von der "anderen" Seite des amerikanischen Traums, von Loosern, die mit ihren Träumen scheitern oder allzu naiv und verträumt sind. Der Titel ihres neuesten Films, The Mastermind, ist pure Ironie; der Held James Blaine Mooney - JB genannt - ist ein arbeitsloser Familienvater. Er hat ein Kunststudium abgebrochen und eine Schreinerlehre gemacht, was den Sarkasmus seines Vaters - eines ehemaligen Richters - beflügelt. Doch JB hat andere Pläne, als eine bürgerliche Karriere anzustreben. Es sollte doch ganz einfach sein, ein paar Kunstwerke aus dem verschlafenen Museum der Kleinstadt zu entwenden!

Er übt schon mal mit kleineren Objekten, die er entwendet, ohne die Aufmerksamkeit der verschlafenen Wärter zu erregen. Doch bei all den übrigen Vorbereitungen für einen großen Kunstraub - der Louvre lässt grüßen - vertraut er auf simple Logik: Komplizen rekrutieren, Bilder rausschaffen, ins Auto legen und in einem Schweinestall verstecken. Dabei hat er nicht mal auf dem Schirm, dass er für die Kinder an genau diesem Tag verantwortlich ist ... und man die an einem Samstag auch nicht einfach bei der Schule absetzen kann. Dem Anfang wohnt bereits das Scheitern inne.

Mooney reiht sich ein in das Ensemble von Slackerfiguren, die das Werk der Independent-Filmemacherin Kelly Reichardt bevölkern. Menschen, die in den Lücken und an den Rändern existieren – aber nicht mit dem Glamour der überzeugten Außenseiter, sondern weil sie einfach nicht anders können.
Der Plan, eine Handvoll Gemälde des Künstlers Arthur Dove zu stehlen, ist nachlässig zusammengebaut. JB Mooney heuert ein paar Möchtegern-Gangster an, die ziehen sich Netzstrümpfe über den Kopf, nehmen die Bilder von der Wand und laufen zurück zum Auto. Ein irreales Unterfangen, aber basierend auf einem realen Kunstraub im Jahr 1972 im Worcester Art Museum in Massachusetts. In der Wirklichkeit hat es wenigstens für zwei Gauguins, einen Picasso und einen Rembrandt gereicht.

Fazit: Kunstraub als ruheloses, irreversibles Scheitern.

Interview mit Kelly Reichardt - epd-film.de

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Mittwoch, 25. März
18:00 Uhr
Rote Sterne überm Feld

von Laura Laabs
Deutschland 2025, 133 min
Im Anschluß Video Schaltung mit Laura Laabs auf der Leinwand

 

Rote Sterne überm Feld

Zweimal jährlich zeigen wir Filme mit der Volkshochschule im Keller. Und das sind keine Filme, die wir eh ins Programm genommen hätten, sondern es sind Raritäten, die uns begeistert hatten, aber im Kino untergegangen sind. Auch - müssen wir gestehen - Filme, die politisch sind und uns ungewohnte Perspektiven aufzeigen. Nach der satirischen Abrechnung mit der Stalin Ära Der Meister und Margarita kommt jetzt mit Rote Sterne überm Feld von Laura Laabs ein anarchistisch-satirischer Film über 100 Jahre deutsche Geschichte auf die Leinwand.
Wir hatten ihn am Startwochenende im kleinsten Saal des Berliner Kant Kinos gesehen und waren überwältigt davon, wie uns Laura Laabs, in ihrem ersten Kinofilm, mit einem Füllhorn an Geschichten und Ideen - staunend und begeistert - aus dem Kino entließ.
Einer der schönsten Filme des deutschen Kinojahres, schrieb Rüdiger Suchsland auf swr.de ... und dem können wir uns nur anschließen!

Wie es der Zufall so will, hat unser Sohn Claudio mit Laura Laabs gemeinsam an der Filmuniversität-Konrad Wolf in Babelsberg studiert, und so konnten wir Kontakt aufnehmen und sie nach Lohr einladen. Leider schafft sie es nicht, persönlich anzureisen, aber wir werden sie per Video Schalte in den Keller holen ... und ihr könnt sie mir Fragen überschütten.

"100 Jahre deutscher Geschichte" ... da kommt unseren eifrigen Kellergängern sofort In die Sonne schauen in den Sinn. Auch in Rote Sterne überm Feld spielt ein Haus eine Hauptrolle - Es ist das Haus in Bad Kleinen, in dem Laura aufgewachsen ist. Dorthin flieht die Aktivistin Tine, die mit einem Freund die Deutschland Fahnen auf dem Reichstag durch Rote Fahnen ersetzt hatte: "Ein brutal terroristischer Akt" ... und so flieht sie zu ihrem Vater nach Bad Kleinen; und in einer Fülle komischer und teilweise erschreckender Begebenheiten entfaltet sich ein Panorama deutscher Geschichte, wie man es noch nie gesehen hat.

Lassen wir Laura Laabs an dieser Stelle selbst zu Wort kommen: "Die Geschichten, die der Film aufgreift, die in der Vergangenheit liegen, sind reale Geschichten, die wie Mythen um dieses Dorf ranken. Es wurde hier Frontpost vom Zweiten Weltkrieg gefunden, die LPGler gab es, den missglückten Polizeieinsatz 1993 rund um die Festnahme zweier RAF-Terroristen … Diese Geschichten habe ich im Sinne meiner Geschichte angespitzt und verändert. Aber alles basiert auf wahren Begebenheiten rund um diesen Ort in Schwerin. Ich habe in Bad Kleinen den Spaten angesetzt und ein bisschen gegraben und eine ganze Menge erzählenswerter, erschreckender und vielleicht auch ermutigender Geschichten zu Tage gefördert. Das kann man auf ganz Deutschland übertragen. Ich wollte das exemplarisch zeigen an einem Ort, den ich gut kenne."

Fazit: Einmal quer durch die deutsche Geschichte vom Zweiten Weltkrieg bis zur Gegenwart. Der Film spielt mit Verweisen und Bezügen, Bildformaten und Genremustern.

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Interview - Laura Laabs über „Rote Sterne überm Feld“:
„Den Spaten angesetzt und ein bisschen gegraben“

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Dienst. 31. März 18:00 DF &
Mittw. 01. April 18:00 DF
One Battle After Another

von Paul Thomas Anderson
USA 2025 170 min

 

One Battle After Another

Das ist nicht unser "normaler" Kellerfilm, sondern ein Tour de Force Ritt durch ein Amerika, das wir erst jetzt in schrecklicher Wirklichkeit kennenlernen ... noch dazu kommt One Battle After Another als aberwitzige Komödie daher! Dass dieser Film von Paul Thomas Anderson - einer der intelligentesten Regisseure des amerikanischen Kinos - das Ergebnis einer 25-jährigen Arbeit am Stoff ist, verblüfft! Kommt die Geschichte doch daher, wie ein Kommentar zu den aktuellen Ereignissen - den schrecklichen Umtrieben der Eingreiftruppe der amerikanischen Einwanderungsbehörde, besser bekannt als ICE .

Im Prinzip geht es in One Battle After Another um den ewigen Kampf des Guten gegen das Böse. Und da steht Anderson eindeutig auf Seiten der Guten, auch wenn sie so entrückt und bekifft sind wie der Held Bob, der die meiste Zeit im Bademantel - die Cohen Brothers lassen grüßen - seine Tochter vor den Fängen des bösen Col. Steven J. Lockjaw retten will. Der Colonell wird gespielt von Sean Penn in einer seiner besten Rollen; da ist sich die Kritik einig. Michael Kienzl charakterisiert seine Rolle im filmdienst.de so:
"Lockjaw ist ein ruchloser und bösartiger Mann, der sich im Grunde aber nur nach der Anerkennung anderer sehnt. Vor allem will er in einen ebenso verschwiegenen wie elitären Kreis von Rechtsaußen-Unternehmern aufgenommen werden, die das Land reinhalten wollen, was bedeutet: weiß und reaktionär." Die MAGA Bewegung kommt sofort in den Sinn, doch Pynchons Vorlage "Vineland" spielt in der Reagen Ära und Anderson verwischt die zeitlichen Bezüge.

Und Tom Dorow fasst One Battle After Another in indiekino.de schlicht in einem Satz zusammen:
"Ein Film, in dem militante Linke die Helden sind, das System durchweg von Totalfaschisten korrumpiert ist und nicht die coolsten und großmäuligsten Figuren triumphieren, sondern die freundlichen, das war 2025 nicht zu erwarten."

Fazit: Eine aberwitzige, hochaktuelle Komödie über Staatsterror und Widerstand.

Interview mit Paul Thomas Anderson

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Mittwoch 08. April
18:00 DF & 20:10 DF
Father Mother Sister Brother

von Jim Jarmuch
USA 2025 110 min

 

Father Mother Sister Brother

Filme wie eine Meditation - so könnnte man den durchgehenden Stil von Jim Jarmuschs Oeuvre beschreiben. Selbst wenn er sich Genres des Mainstream Kinos zuwendet - Vampiren: "Only Lovers Left Alive" oder Zombies "The Dead Don't Die" - ist es ein liebesvoller Blick auf die Verlierer des American Dreams. In seinem neusten Film - fast schon ein Alterswerk - Father Mother Sister Brother setzt er auch eine weitere "Signatur" seines Schaffens fort: Parallele Erzählungen über den Erdball hinweg. Wie in seinem Frühwerk "Mystery Train" ist auch Father Mother Sister Brother ein Tryptichon aus drei Kurzgeschichten über Entfremdung, eine kammerspielartige Reflexion über Familie.

Wie einst Woody Allen, versammelt auch Jarmusch hier ein Ensemble an hochkarätigen Stars wie Tom Waits, Adam Driver, Charlotte Rampling, Cate Blanchett, und unsere Vicky Krieps in einer umwerfenden Rolle.
Familien sind Schicksalsgemeinschaften, die sich zwar entfremden, aber nie vollständig voneinandeer lösen können...und die ihre wohlbehüteten Geheimnisse voreinander haben. Da ist der im Nirgendwo der USA "einsam" lebende Vater (Tom Waits), der vor dem seltenen Besuch der Kinder noch schnell die Wohnung "verschlampt" und nach deren Abreise erleichtert wieder sein "lustiges Leben" beginnt.
Da ist die erfolgreiche Schriftstellerin und Mutter (Charlotte Rampling), die ihre Töchter in ihrer Dublin "Residenz" zum Tee empfängt; von Mutterliebe keine Spur!
Und zum Schluss in Paris ist es ein von Harmonie und Liebe geprägtes Geschwisterpaar, das die Wohnung ihrer verstorbenen Eltern ausräumt und ihnen dabei nahe kommt. Trotz des Verlusts wirken diese beiden am glücklichsten. Ihre Geschichte steht auch dafür, dass einem die Bedeutung von Menschen oft erst bewusst wird, wenn wir sie verloren haben.

Fazit: Liebevolle und zarte Geschichten rund um familiäre Katastrophen

Interview mit Jim Jarmusch - tagesanzeiger.ch

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Mittwoch 15. April
18:00 DF & 20:20 DF
Gelbe Briefe

von Ilker Çatak
DE, Türkei,FR 2025 128 min
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Gelbe Briefe

Nach dem Überraschungserfolg von Das Lehrerzimmer hat sich Ilker Çatak mit Gelbe Briefe einem aktuellen und hoch politischen Thema zugewendet. Während Wim Wenders sich auf der Berlinale mit "Filme seien 'the opposite of politics'" aus der Palestina Debatte stehlen wollte, hat es Catak mit "Gelbe Briefe" geschafft, mit dem privaten Leidensweg eines erfolgreichen Künstlerpaars, den Finger in die offene Wunde der Demokratie zu legen. Radikales "Ausschalten" von unliebsamen Künstlern ist eine feste Konstante in autoritären Regimen; doch der Weg dorthin ist ein schleichender, vor dem keine Demokratie gefeit ist. Der "Buchhandlungs-Gate" unseres Kulturministers ist da ein schönes kleines Beispiel.

Gelbe Briefe spielt zwar in der Türkei, aber schon die Drehorte - Berlin für Ankara und Hamburg für Istanbul - heben die Geschichte des Films in die Allgemeingültigkeit. Es ist eine zeitlose Geschichte die - wenn wir nicht aufpassen - überall in der Welt passiert, bzw. passieren kann.

Der weltweite Erfolg von "Das Lehrerzimmer" hat es Ilker Çatak erlaubt, mit gutem Budget einen großen und bewegenden Film zu machen. Zur Frage der Finanzierung erzählte er in einem Interview:
"Ingo Fliess [der Produzent] und ich hatten GELBE BRIEFE zunächst mit einem kleinen Budget geplant. Dann kam der weltweite Erfolg von DAS LEHRERZIMMER. Was natürlich dazu führte, dass immer mehr Menschen Interesse daran hatten, was wir als nächstes machen würden. Wir hatten unsere Zweifel, dass ein komplett türkischer Film auf breites Interesse stoßen würde. Aber es war das erste Mal, dass eines unserer gemeinsamen Projekte sowohl von der BKM als auch von der FFA gefördert wurde. In Cannes wurde der Film 2024 allein auf Drehbuchbasis in mehrere Länder verkauft. Und das zeigte uns, dass wir uns wirklich mehr trauen dürfen. Wir können lokaler werden, lokaler denken – denn in der Lokalität liegt oftmals auch eine Universalität, die wir häufig unterschätzen."

Fazit: „Gelbe Briefe“ ist ein ungeschönter, mit klarem Blick inszenierter Film über Existenznot, soziale Isolation und deren Auswirkungen auf das Familienleben.

Pamela Jahn (indiekino.de) interviewt Ilker Çatak zu seinem Film .

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Dienstag 21. 18:00 OmU
& Mittwoch 22. April
18:00 DF & 20:00 DF
Sorry, Baby

von Eva Victor
USA 2025 104 min
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Sorry, Baby

Eigentlich lieben wir ja alle Filme, die wir in den Keller bringen; aber mache lieben wir ganz besonders! Sorry Baby, der Erstlingsfilm von Eva Victor ist so ein Juwel, das aus der Arthouse Kost heraussticht. Herausgebracht hat es die inzwischen legendäre New Yorker Produktionsgesellschaft A24, die für ihre vielseitigen und herausragenden Independent Produktionen bekannt ist. Eva Victor - geboren 1994 in Paris - wuchs in LA auf und hat in New York als Comedien ihre Karriere gestartet. Mit Sorry, Baby hat sie als Autorin, Regisseurin und Hauptdarstellerin den Film als eine Form der Verarbeitung eigener Gewalterfahrungen auf die Leinwand gebracht. Vielleicht gehen da jetzt die Alarmlichter an: Filme über Missbrauch haben gerade Konjunktur und ziehen eine oft runter! In Interviews betonte Victor, bei der Inszenierung bewusst nicht die Gewalttat selbst zu zeigen, sondern den Blick auf das „Danach“ und die Prozesse des Weiterlebens zu richten; dabei wird eine dramatische Erzählung mit präzise gesetzten komischen Momenten kombiniert. Das macht Sorry, Baby zu einer intensiven und offenen, aber auch wunderbar "bekömmlichen" Tragikomödie!

Agnes (Eva Victor) lebt als Literaturprofessorin allein in einem kleinen Häuschen in Neuengland. Sie unterrichtet an demselben College, an dem sie schon studierte und »The Year With The Bad Thing« passierte. Ihre Freundin Lydie, die inzwischen nach New York gezogen ist, kommt für ein unbeschwertes Wochenende vorbei. Die Nähe und Offenheit zwischen den beiden lassen uns die schönsten und witzigsten Dialoge erleben, die man seit langem im Kino gesehen hat. Sorry, Baby erzählt die Geschichte in fünf Kapiteln, auch das über "Das Jahr mit der schlimmen Sache"; doch die Vergewaltigung durch ihren Professor Preston Decker wird nicht gezeigt ... im Off erfahren wir über sie, wenn der "Tatort" von außen gezeigt wird, und Agnes verstört auf dem Heimweg ist. Auch die Behandlung des Falls durch die Uni ist typisch. Nachdem Decker selbst gekündigt hat, ist die Sache für die Verwaltung erledigt.

Doch es gibt sie auch, die netten Männer. Eine wunderbare Szene zeigt Agnes mit Pete (John Carroll Lynch) auf einem einsamen Parkplatz. Es ist eine Unterhaltung voller Empathie, und Pete schenkt ihr zum Abschied noch ein gutes Sandwich.
Und mit Gavin (Lucas Hedges), ihrem Nachbarn, entwickelt sich ein zartes Verhältnis , etwas das sie wieder in die Normalität einer Beziehung zurückbringt.

Fazit: Eine kluge und zärtliche Geschichte über Heilung, Freundschaft und stille Selbstbehauptung.

Sorry Baby - Interview with director Eva Victor (Video in English - 22 min)

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Mittwoch 29. April
18:00 DF & 20:00 DF
Wie das Leben manchmal spielt

von Jean-Pierre Améris
Frankreich 2023 104 min
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Wie das Leben manchmal spielt

Gefühlt eine Ewigkeit ist es her, dass wir eine typisch französische Komödie im Keller hatten! Doch die Zeit des Wartens ist vorbei: Mit Wie das Leben manchmal spielt von Jean-Pierre Améris kommt eine dieser wunderbaren Geschichten kleiner Leute auf die Kellerleinwand, in der Améris so meisterhaft außergewöhnliche Begebenheiten des Alltags in einer Feelgood Komödie feiert. Er setzt in diesem Film auch dem großen französischen Schauspieler Michel Blanc ein Denkmal, der 2024 viel zu jung verstorben ist.

Michel Blanc spielt den einsamen, grummeligen und dem Alkohol verfallenen Richter Gilles; Immer am selben Tisch, im selben Restaurant wird er von der Vollblut Kellnerin Marie-Line (Louane Emera, die eigentlich Sängerin ist) durch den Streit zwischen ihr und ihrem arroganten Freund Alexandre aus seiner Ruhe gebracht.
Marie-Line ist ein liebenswerter Wirbelwind und so ist es kein Zufall, dass es trotz Klassen- und Bildungsunterschied zu einer Beziehung mit dem intellektuellen, Truffaut Filme vergötternden Alexandre gekommen war. Doch ist das Animalische ausgelebt, trennt er sich - feige wie er ist - durch brutales Ghosting ... Doch da ist er bei Marie-Line an die falsche geraten!

Wie es der Zufall so will, ist es Richter Gilles, der Maria-Line auf Bewährung und zu einer saftigen Geldstrafe verurteilt ... und ihren Job im Restaurant ist sie auch noch los! Tragödie? Nicht in einer französischen Komödie! Der Mensch Gilles hat Mitleid und keinen Führerschein mehr. Und so bietet er Marie-Line einen "Deal" an: Sie chauffiert ihn und er finanziert die Geldstrafe. Und ein gerüttelt Maß Bildung kommt auch noch oben drauf!

Fazit: Ein kleines, aber feines französisches Feelgood-Movie!

"Es ist eine Lobpreisung der Begegnungen" - Interview mit Regisseur und Drehbuchautor Jean-Pierre Améris


 

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