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Im Kulturkeller Weinhaus Mehling, Hauptstrasse 30, 97816 Lohr am Main Eintritt: 5 € |
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Mittwoch 6. Mai |
StillerIch gestehe: Stiller, das Buch von Max Frisch aus dem Jahre 1954, habe ich nie gelesen. Den Film Stiller konnte ich daher ganz unvoreingenommen als eigenständiges Werk sehen. Und der Film hat mich begeistert - Renate, eingefleischte Frisch Hasserin, sah ihn etwas anders. Es ist die Geschichte von James Larkin White, der aus - aus den Staaten eingereist - verhaftet wird, weil er an der Ermordung eines Russen beteiligt gewesen sein soll. Die Behörden glauben in ihm den untergetauchten Künstler Anatol Stiller zu erkennen. "Ich bin nicht Stiller!", schreit er seinen Häschern entgegen; und wirft die spannende Frage auf, "wie soll man beweisen, jemand nicht zu sein"! Im Kern geht es also um die Identität eines Menschen. "Wer bin ich, und wenn ja wie viele" dieser Spruch kommt mir unmittelbar in den Sinn. Oder: "I contain multitudes" - Die zentrale philosophische Zeile von Walt Whitman, die in The Life of Chuck eine zentrale Rolle spielt. Sind Stiller und White ein und dieselbe Person? Der Regisseur Stephan Haupt hat seinen Anatol Stiller in den Rückblenden mit, Sven Schelker anders besetzt als James Larkin White, den Albrecht Schuch sehr amerikanisch spielt. "Der tiefe Wunsch, sich selber zu verändern und realisieren zu müssen - verdammt, wie schwierig ist das! Ich kann mir den Namen White geben, also Weißes Blatt, aber ich nehme die Vergangenheit mit", so beschreibt Schuch die Situation in einem Interview. Staatsanwalt Rehberger nutzt die Konfrontation des angeblichen White mit wichtigen Personen aus Stillers früherem Leben als Künstler, um den Fall zu lösen- Da ist die Exfrau Julika - Paula Beer fantastisch wie immer - und Rehbergers Gattin Sibylle und Ex-Geliebte von Stiller, gespielt von der wunderbaren Marie Leuenberger; zwei Frauen, die Stiller recht intim erlebt haben - als Beweis taugen ihrer beider Aussagen dennoch nicht. Fazit: Gelungene Verfilmung des Jahrhundertromans von Max Frisch | |
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Mittwoch 13. Mai |
Calle Málaga - Ein Zuhause in TangerMaryam Touzani ist eine alte Bekannte im Keller. Von ihr zeigten wir 2019 den Film Adam, der von einer unehelichen Geburt in Casablanca und der Solidarität unter Frauen erzählte ... und 2023 haben wir Das Blau des Kaftans gesehen - eine Hommage an Handwerkskunst und Liebe im märchenhaften Marokko. Mit diesen Filmen hat Touzani Marokko erstmalig in das Blickfeld der Cineasten gebracht! Mit Calle Málaga - Ein Zuhause in Tanger hat sie nicht nur ihren bislang zugänglichsten Film geschaffen, sondern auch wieder eine liebevolle Beschreibung der Handwerkskunst abgeliefert. Man kann das Streetfood und die Gewürze förmlich riechen, die in Tangers Calle Málaga gehandelt werden. Und wie ihr Freund Abslam in seinem Antiquitätenladen liebevoll alte Bücher restauriert, das ist ein faszinierendes Beispiel von Handwerkskunst. Es sind Touzanis Mutter und Großmutter, die sie zu Calle Málaga inspiriert haben. Beide sind vor Franco aus Spanien geflohen und haben im spanischen Viertel von Tanger ein neues Zuhause gefunden. Ihre Mutter war die einzige Person, mit der Touzani Spanisch sprach. Und als diese gestorben war, hat sie immer noch in Gedanken mit ihr gesprochen. "Then, of course, there’s everything that remains: the memories, the objects, and all these things that are beautiful, but also very painful, at the same time. And then there was the need to smell the things she used to cook for me, just so I could still be with her", so beschreibt die Regisseurin den Nukleus ihres neuen Films. Doch Calle Málaga ist nicht nur ein verklärender Rückblick auf Touzanis Kindheit in Tanger. Der Kern der Geschichte ist ein universeller Konflikt zwischen der Elterngeneration und einer sich emanzipierenden und entfremdenden Jugend. Marias Tochter Clara ist nach Spanien ausgewandert, hat nun Geldsorgen, und besucht ihre Mutter mit einem fixen Plan im Gepäck: Sie will die Wohnung, die ihr der Vater überschrieben hatte, verkaufen. Auch für die Mutter hat sie eine Lösung parat: Sie soll zu ihr und den Enkelkindern nach Spanien kommen ... oder alternativ in ein Seniorenheim in Tanger ziehen. Doch beides kommt für Maria nicht in Frage. Sie schafft es - zumindest für eine Zeit - ihre geliebte Wohnung wieder zu besetzen, und auch die Liebe im Alter erblüht ganz wunderbar. Doch die Wohnung ist auf dem Markt und mit deren Verkauf endet eine spannende Zeit des Widerstands. Der Konflikt ist zwar nicht lösbar, doch wir haben fast zwei Stunden wunderbares Leben in Tanger gesehen! Fazit: Eine wunderschöne Hommage an das Älterwerden vor der Kulisse des spanischen Viertels von Tanger. | |
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Dienstag 19. 18:00 OmeU |
Caught StealingEin aufrechter traumatisierter Held, der seinen Schmerz im Alkohol ertränkt ... und doch ist er ein umgekehrter Hans im Glück! Soviel Prügelei und Schießerei haben wir im Keller lang nicht gesehen ... und gleichzeitig ist es eine Hommage an das New York der 90er Jahre und bei allem Pulverdampf eine der witzigsten Komödien seit langem. Darren Aronofsky ist ein mutiger Einzelgänger im amerikanischen Independent Kino. Mit seinem Erstling "Pi" wurde er als neuer Genius im Filmhimmel entdeckt. Seitdem lieferte er mit "Black Swan" oder zuletzt mit "The Whale" vor allem teilweise esotherische Psychodramen ab. Da hebt sich Caught Stealing wie ein Solitär von seinem bisherigen Schaffen ab. Es ist ein durchweg unterhaltsamer Thriller, den auch die Kids im Popcorn Kino genießen können, uns aber gleichzeitig in das New York der Filme von Scorseses "Taxi Driver" und "Mean Streets" entführt. Hank Thompson ist der sympatische Held, einstiges Baseball Talent, kurz vor dem Einstieg in die Profiliga, dessen Karriere durch einen traumatischen Autounfall jäh beendet wurde. Jetzt ist er nur noch ein Fan, der täglich seine Mutter anruft und das Gespräch rituell mit "Go Giants" beendet. Er arbeitet in einer Spelunke im East Village, trinkt zu viel und haust in einer schäbigen Bude, umgeben von schrägen Nachbarn. Erfolg und Absturz, Traum und Trauma, Ruhm und Rückzug – auch das sind alte Aronofsky-Motive. Damit, dass er für ein paar Tage für die Katze des Nachbarn sorgen soll - die Katze Tonic ist neben Austin Butler der zweite Star im Film! - beginnt für Hank eine alptraumhafte Zeit mit russischer Mafia, jesidischen Gangstern und jeder Menge Leichen, die alle hinter Drogen-Millionen her sind ... und auch die Polizistin ist im Nebenberuf mit der Mafia verbandelt. In Caught Stealing ist Hank, ein von Unglück geschlagener, der durch einen Alptraum an Gewalt schließlich im Glück landet: Eine umgekehrte "Hans im Glück" Geschichte. Und wie in jedem Alptraum sollte man hier nicht auf Logik und Plausibilität achten, sondern den Film wie eine Comic Verfilmung genießen. Charlie Huston, auf dessen Pulp Roman der Film basiert, und der auch für das Drehbuch verantwortlich war, hat neben Romanen auch zahllose Comicbücher verfasst. Fazit: Darren Aronofskys Film ist zugleich Gangsterfarce und Hommage an New York, mit unzähligen Verweisen auf die Filmgeschichte | |
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Mittwoch 3. Juni |
Sentimental ValueJoachim Trier ist einer der Shooting Stars des skantinavischen Kinos. Sein im Dezember gestartetes Meisterwerk über eine Familie und ein Familienhaus voller Erinnerungen und Geheimnisse, Sentimental Value, kommt endlich auch in den Keller. Gewinner des "Grand Prize of the Festival" 2025 in Cannes und von 6 Hauptpreisen beim Europäischen Filmpreis - u.a. Bester Film - sind nur ein Ausschnitt der zahlreichen internationalen Preise, die der Film abgeräumt hat. Im stattKino haben wir 2022 schon Triers Der schlimmste Mensch der Welt sehen können, in dem Renate Reinsve ein Mädchen spielt, das keinen Plan im Leben hat. In Sentimental Value ist sie die empfindsame Tochter des lange abwesenden Vaters, die sich weigert, in seinem neuen Film die Hauptrolle zu spielen. Wir merken: Es geht um Familie ... und um das Familienhaus, das alt und in die Natur eingewachsen, stumm und geheimnisvoll die Familengeschichten bewahrt. Der Film beginnt mit dem Tod der Mutter, einer ehemaligen Psychotherapeutin. Mit der Trauerfeier, die die zwei Schwestern ausrichten - Nora ist Theaterschauspielerin, Agnes Historikerin und Archivarin - beginnt der Film. Und wie ein Geist taucht die Stimme des über lange Jahre abwesenden Vaters Gustav auf. Er hatte sich nicht angekündigt, war nicht in der Kirche und hatte sich erst ins einstige Sprechzimmer der Verstorbenen verkrümelt. Über ein altes Ofenrohr - ein Feature des Hauses, über das die Schwestern einst die Geheimnisse der Patienten belauschten - tritt der abwesende Vater zunächst in Erscheinung. Sentimental Value ist zum einen der Wert von Gegenständen, die nach dem Tod einer Angehörigen bewahrt werden wollen, weil sie jenseits vom Gebrauchswert einen Erinnerungswert darstellen. Im Film geht es aber auch um die Beziehungen der Verbliebenen, bei denen Konflikte ausgetragen und verschüttete Gemeinsamkeiten gehoben werden. Anna Hantelmann hat das zum Schluss ihrer Kritik auf indiekino.de wunderbar zusammengefasst: "Das Haus erzählt, hütet und erträgt dabei die Familiengeschichten, so hatte es Agnes schon als Kind in einem Schulaufsatz geschrieben. Und tatsächlich gibt es immer wieder Momente, die den Eindruck vermitteln, das rote Bilderbuchhaus selbst spricht hier aus dem Off. Das mag etwas altbacken klingen, genau wie die Geschichte des gealterten Filmgenies, das versucht, seine entfremdeten Töchter wieder für sich zu gewinnen. Aber Trier und seine Protagonistinnen schaffen es, auch Konflikten, die man meint, schon oft auf der Leinwand gesehen zu haben, neues Leben einzuhauchen." Fazit: Ein exzentrischer Künstlervater und seine entfremdeten Töchter treffen sich im roten Bilderbuchhaus ihrer Kindheit wieder. | |
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Mittwoch 10. Juni |
Die reichste Frau der WeltFragt ihr euch nicht auch, was Superreiche eigentlich mit dem Geld anfangen wollen, das sie wie Dagobert Duck in virtuellen Geldspeichern aufgehäuft haben? Gut: Man kann Zeitungen, Firmen und Sozial-Media-Tech Konzerne mal eben so kaufen und die Welt verändern. Vielleicht auch auf den Mars fliegen ...doch außer Macht und Ego ist da nicht viel gewonnen. Man kann sein Geld aber auch einem Erbschleicher mit vollen Händen in den Rachen werfen und dafür eine wunderbare Zeit mit mit ihm erkaufen ... Spaß haben, sich wieder jung fühlen ... so Zeug. Genau dies ist das Thema von Die reichste Frau der Welt, in die wir mit Isabelle Huppert eintauchen können ... um am Ende festzustellen, dass das wohl nicht unsere Vorstellung von Glück ist. Ohne das fanstastische Spiel von Isabelle Huppert als Marianne und ihrem vor Narzissmus strotzenden "Gegenspieler" Laurent Lafitte - der mit dem César als bester Schauspieler ausgezeichnet wurde - wäre der Film wohl daneben gegangen. So ist er aber zu einer wunderbar absurden Farce über das Leben einer Multimilliardärin, die aus dem angesehenen Leben einer Konzernchefin ausbricht und das Leben einfach in vollen Zügen auslebt. Der Film basiert lose auf dem realen Fall um die milliardenschwere L’Oréal-Erbin Liliane Bettencourt (1922-2017), ein Fall, der in Frankreich damals für enorme Schlagzeilen sorgte. Gegenpielerin in dieser Amour Fou ist die Tochter, die um ihr Erbe, die Familie und die Liebe ihrer Mutter kämpft. Und dann haben wir noch die sympatische Figur des Butlers Jérome, der mit bewunderswertem Gleichmut die Gemeinheiten von Pierre-Alain erträgt, aber im Verborgenen daran arbeitet, den "Spuk" der Erbschleicherei aufzklären ... um am Ende mit nichts als einer Kündigung dazustehen. Fazit: Ein elegantes, ironisches Familiendrama über Geld, Macht, Gier und Liebe |
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